Gennadi Touretski – „Jeder hat ein Stück Michael Phelps im Herzen“

Wenn Gennadi Touretski übers Schwimmen spricht, wird er emotional. Mit den Händen unterstreicht er immer wieder seine Aussagen. In seiner Stimme schwingen 40 Jahre Erfahrung am Beckenrand mit. Touretski, der in Russland geboren worden ist und mittlerweile in der Schweiz lebt, hat viel erlebt in seiner Karriere. In den 90er Jahren revolutionierte er zusammen mit Alexander Popov den Schwimmsport. Anfang des Jahrtausends trainierte er mit Ian Thorpe den erfolgreichsten Australier bei Olympischen Spielen. Anschließend war er als Bundestrainer für die Nationalmannschaft der Schweiz zuständig. In den Jahren hat er sich immer auch damit beschäftigt, welchen Effekt das Schwimmen auf die Menschen hat. „Schwimmen beeindruckt Menschen, weil sie etwas anderes Fühlen können und sich in einer anderen Umgebung bewegen. Im Wasser ist man schwerelos. Man muss nicht erfolgreich sein oder Ziele im Schwimmen verfolgen, das Besondere am Schwimmen kann jeder Mensch in jedem Alter fühlen“, so Touretski, der im November als Trainer im Tenerife Top Training am Beckenrand stand. Mit diesem Ansatz blickt das Trainierurgestein auch auf die Superstars der Branche: „Champions sind zu allererst einmal Menschen, die das Wasser lieben. Deshalb hat jeder Mensch ein Stück Michael Phelps im Herzen.“

Gennadi Touretski about – Die komplette Interviewreihe mit dem Trainer hier: 

 

In der Vergangenheit hat Touretski verschiedene Medaillengewinner Olympischer Spiele und Weltmeisterschaften trainiert. Dabei standen für ihn die individuellen Fähig- und Fertigkeiten sowie die Lebensumstände im Fokus. Die Unterschiede zwischen den Sportlern waren für ihn eine alltägliche Herausforderung. „Ian Thorpe war ein Fisch, ein großer Fisch. Er hat ein unglaubliches Wassergefühl. Auf der anderen Seite war Michael Klim. Michael war sehr athletisch. Er konnte Wände durchbrechen“, erinnert sich Touretski. Die kleinen Unterschiede sind es auch, die sich  aktuell im Schwimmsport auswirken, da ist sich der Trainer sicher. Dies gilt auch für Michael Phelps, den Über-Schwimmer der vergangenen Jahre: „Seit 18 Jahren beobachte ich Michael Phelps. Die Grundlage für seinen Erfolg ist sein Wille. Er befindet sich immer im Wettkampf – Zu jeder Zeit, an jedem Ort und unter allen Bedingungen. Michael ist der Athlet der Zukunft.“ Touretski ist sich sicher, dass die Einstellung zum Sport und eine individuelle Herangehensweise an die Bedürfnisse jeden einzelnen Athleten die wichtigen Faktoren für den Erfolg sind. Deshalb sei ein angepasstes Programm elementar für die Weiterentwicklung jeden einzelnen Sportlers. „Ein Konzept, das in Australien funktioniert, wird nicht zwangsläufig in Europa funktionieren“, gibt Touretski zu bedenken.

 

Dabei sieht der Russe aktuelle Entwicklungen als Auswirkung von Entscheidungen vergangener Jahre. Aktionismus, beispielsweise nach nicht erfolgreichen Olympischen Spielen, ist für Touretski nicht der richtige Weg bei einer konzeptionellen Weiterentwicklung von Sportstrukturen. „Die Olympischen Spiele sind eine Industrie der zerbrochenen Träume. Nur 20 Prozent der Schwimmer können ihre persönliche Bestleistung abrufen. Das bedeutet, dass 80 Prozent enttäuscht werden. Wir müssen dies verstehen und ehrlich sein“, so Touretski. Dieser sieht deshalb nicht nur die Sportler in der Plicht zum Umdenken. Auch Trainer, Offizielle und Zuschauer müssten verstehen, dass Prozesse Zeit brauchen: „Das wichtigste ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Nachwuchsförderung. Wir müssen die neue Generation motivieren, zu schwimmen. Wenn uns dies gelingt, haben wir eine Zukunft. Wo wollen wir in fünf, sechs Jahren sein? Ganz oben? Dann müssen wir jetzt handeln.“

Touretski selbst wird das allerdings erst einmal nicht mehr machen. Nach 40 Jahren am Beckenrand verabschiedet sich der Trainer für drei Monate von seinem Job. „Ich freue mich, dass ich endlich länger schlafen kann“, sagt Touretski mit einem Lächeln.

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